Pinsel, Pixel und Pailletten

Rachel Lumsden, "Sound of Pleiades", 2018, 210 x 170 cm, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Thurgau

| ArtRegion: Bodensee
Pinsel, Pixel und Pailletten

Pinsel, Pixel und Pailletten

Neue Malerei

22. März – 20. September 2020

2020 – und die Malerei lebt noch immer. Seit 44`000 Jahren, so dehnen die jüngst in Indonesien entdeckten Höhlenmalereien den Zeithorizont dieser Entwicklung aus, erfindet sich das Medium kontinuierlich neu. Heute sind es die expandierenden Bildwelten im digitalen Raum, welche die menschliche Wahrnehmung auf unterschiedlichen Ebenen prägen. Wie verändert sich dadurch der Umgang mit Bildern? Und welche Konsequenzen ergeben sich für die Malerei?

Den letzten grossen Umbruch erlebte das Medium durch die Erfindung der Fotografie 1839. Der mechanische Apparat befreite die Malerei vom Anspruch, die Wirklichkeit getreu abzubilden. Seit den 1950er-Jahren reflektieren Malerinnen und Maler die massenmedialen Bildwelten von Film, Fernsehen und Video. Nun steht das Medium vor neuen Fragen: Der noch breiteren Verfügbarkeit und Veränderbarkeit von Bildern steht die begrenzte Aufmerksamkeit eines Publikums mit sehr unterschiedlichen Erwartungen gegenüber. Das Verlangen nach spektakulären Motiven und der Einfluss des Kunstmarkts scheinen überhandzunehmen. Im Gegenzug entsteht eine neue Sehnsucht nach Authentizität und Originalität, gesteigert durch das Wissen um Bildmanipulationen und die Vereinnahmung von Bildquellen und Distributionskanälen durch Menschen und Algorithmen.

Museale Sammlungen dokumentieren über lange Zeiträume hinweg die Sehgewohnheiten und gesellschaftlichen Aufgaben von Bildern. In Ausstellungen zeigen sie vergangene und neue Bildwelten in unterschiedlichen Konstellationen. Dabei spiegeln heute regionale Entwicklungen weitgehend die internationale Situation. In diesem Sinne unternimmt die Ausstellung «Pinsel, Pixel und Pailletten – Neue Malerei» eine Bestandsaufnahme der jetzigen Situation des Mediums Malerei, ausgehend von seinen traditionellen Mitteln: Farbe auf Leinwand. Kann man mit diesem antiquierten Handwerkszeug noch Neues schaffen? Vielleicht liegt gerade in der Langsamkeit und Inkompatibilität dieser Mittel das Potenzial der Malerei?

Zeitgenössische Malerei erlangt Bedeutung auch durch die digitale Verbreitung, doch erst in der Begegnung mit dem Original entfaltet sie ihre ganze Wirkungsmacht. Denn Malerei ist die Erfahrung mit einem einzigartigen, meist von Hand entstandenen Unikat, einem körperlich präsenten Gegenüber. Sie ist Ergebnis eines alchimistisch umwobenen Prozesses im Atelier, mal Zeitkapsel, mal Wundertüte – ein auratisches Geheimnis, das die Wahrheit sucht, aber auch die Öffentlichkeit. Denn Malerei ist zugleich individuelle Mythologie, Konzept und Statement zur Kunstgeschichte und den darin aufgehobenen Wertesystemen. Deshalb wird sich die Malerei auch immer weiterentwickeln, die eigenen Grenzen überschreiten und den Rahmen sprengen.

Die Ausstellung «Pinsel, Pixel und Pailletten – Neue Malerei» widmet sich insbesondere hinsichtlich des Farbauftrags den neuesten regionalen Entwicklungen. Haben die Pixel das Pigment bereits abgelöst? In der Ausstellung werden jedenfalls noch Farben geschüttet und Leinwände mit grosser Geste erobert, präzise perforiert oder gestapelt, zerschnitten und neu zusammengesetzt. Was ist noch Bild, was bereits Rauminstallation? Die Ausstellung gibt keine Antworten, sie erweitert den Fragenkatalog und ist Zwischenbericht einer neuen Generation von Malerinnen und Malern, die etwas zu sagen haben. Etwas, das nur in diesem Medium gesagt werden kann.

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