Berlin | ArtRegion: Mitte

FeldbuschWiesnerRudolph

Anna Nero: Testing into Compliance

12. November 2022 – 21. Januar 2023

„Meine Arbeit verorte ich in (einer) Polarität aus Bildverehrung und Bildverbot – ich versuche, das Undarstellbare darzustellen.“ (Anne Nero, 2021)

Anna Nero (geb. 1988 in Moskau) arbeitet bildnerisch und skulptural wirkungsvoll mit Kontrasten und prüft deren symbiotischen Momente. Gemäß dem Ausstellungstitel „Testing into Compliance“ paart sich das Runde mit dem Eckigen, Stillleben gedeihen im Ambiente des Hard Edge, Technisches kooperiert mit Organischem,… summasumarum eine Sexiness mit Kalkül.

„Testing into Compliance“ ist die zweite Einzelausstellung der Künstlerin Anna Nero bei FeldbuschWiesnerRudolph und knüpft an ihre Auftaktshow „Fingers in many pies“ (2020) an. Institutionelle Shows wie im MdBK Leipzig (2022) und v.a. die Beteiligung an der Ausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“, die von 2019-20 durch die Kunstmuseen Wiesbaden, Bonn, Chemnitz und Hamburg tourte, verhalfen Anna Nero zu größerer Bekanntheit. Daneben teilt die Künstlerin ihre kreativen Aktivitäten regelmäßig mit ihrer Community auf Instagram. Und die ist ihr genauso wichtig wie die Präsenz im white cube!

Für ihre neue Soloshow „Testing into Compliance“ plant Anna Nero eine besondere Inszenierung vorort. So werden ihre neuen groß- wie kleinformatigen Leinwände und die glasierten Keramiken erstmals im Kontext einer immersiven Präsentation wandfüllender Murals ausgestellt. Zwei Wände im Galerieraum sind flächenfüllend mit monumentalen Farbkompositen bedeckt, welche auf Ausschnitten von Neros Bildvorlagen basieren. Die dazwischen erscheinenden überdimensionierten Farbwülste, Spuren von Gesten und haptischen Objekte rekurrieren ebenfalls auf den Form- und Farbkanon der Künstlerin und entfalten sich hier erstmals in radikaler Freiheit und mit kluger Selbstgewissheit.

„Ich kratze an der Oberfläche aller Dinge, an ihrer Beschaffenheit, Stofflichkeit, Funktionalität, ihrem Kontext, ja sogar ihrem Wesen oder ihrer Agenda.“ (A.N.)

Die Ausgangslage für Anna Neros Leinwandarbeiten bilden strenge, scharfkantige Raster, die auf den Bildträger gesetzt die Fläche vorstrukturieren. Darauf folgen freie, verspielte Gesten, die sich dem Raster anheften und somit geordnet erscheinen. „Die unterschiedlichen Malmodi, zwischen systematisch und intuitiv, erleichtern für mich den Prozess und entsprechen unterschiedlichen Befindlichkeiten, die ich als Produzent durchlaufe.“ Dem Ausstellungstitel „Testing into Compliance“ entsprechend liegt die Motivik der neuen Arbeiten auf den Themen Wissenschaft, Labor, Wissenschaftsglaube bis hin zu Verschwörungstheorien. Tatsächlich scheinen sich Neros Bilder einer technischen Handhabbarkeit ihrer Testemonials vergewissern zu wollen. In „Lyme“ (2022) liegt monumental in Szene gesetzt eine blaue Tropfenform eingebettet in eine ihren Rundungen angepasste Aussparung in einer hellblauen Fläche. Derart erinnert diese smarte Kombi an die Logik eines Gelenks in seiner Kapsel. Und doch entbehrt es der gewohnten Funktionalität, wenn in der großformatigen Malerei „Owner of a lonely heart (big Plumbus)“ (2022) das hautfarben dildoartige Objekt den Peniskopf im Profil zum Mund öffnet, und dabei auf einer schraubenartigen Basis in ähnlichem Rosefarbton aufsitzt. Während sich urplötzlich der Kontext ändert, indem die im Aufriss wiedergegebene Ansicht den Blick darunter auf ein blaumetallisch modelliertes Rohr freigibt, das den vermeintlichen Inhalt der surrealen Gestalt jenseits des Bildfeldes zum Abfließen ins imaginäre Off transportiert…

Selbstbewusst treten dem Betrachter Anna Neros Keramiken gegenüber. Wie kleine Außerirdische sitzen, liegen, kriechen und mümmeln sich die Miniaturen mit ihrer high glossy und quietschfarbenen Glasur auf kleinen Wandshelves zwischen den Leinwänden und bevölkern zugleich auf freistehenden Podesten platziert den Ausstellungsraum der Galerie. Diese Wesen wecken die Empathie des Betrachters. Und zugleich dringt ihm ins Bewußtsein, dass wir in einer vom Menschen geprägten Welt leben, und uns dennoch als hilflos empfinden. Künstler erkennen das Verschwinden der Trennung zwischen Natur und Kultur an. Und so könnten „(…) die Künstler die Anthropologen unserer neuen Beziehungslandschaft sein (…)“ (Nicolas Bourriaud in seinem neuen Essay „Inclusions Aesthetics of the Capitalocene“ (2022/23).

Was die künstlerische Welt Anna Neros so faszinierend macht, ist ihre charmante Widerständigkeit gegenüber vermeintlichen Grenzen bis hin zu einer kämpferisch provokanten Selbstbehauptung. Es geht um eine neue Haltung von Connection (Kae Tempest) und Inclusion (Nicolas Bourriaud), die einer durch den westlichen Kapitalismus begründeten sozialen Segregation mutig entgegentritt. Die vermeintliche Statusunterscheidungen zwischen Subjekt und Objekt wird vehement unterwandert. Dem „trockenen Fetischismus“, den uns der Kapitalismus bietet, stellt die Künstlerin Anna Nero mit ihren Malereien und Keramiken die Kunst als eine spirituelle Lebenssubstanz entgegen, als einen Raum, der die Zeiten und Zivilisationen neu vitalisiert und überdauert…

Anna Nero (geb. 1988 in Moskau) studierte Bildende Kunst bzw. Malerei an der Kunsthochschule Mainz bei Prof.Anne Berning (2009-2012) sowie an der HGB Leipzig bei Prof. Ingo Meller und Prof. Oliver Kossack (2012-2016), um 2017 ebda. mit dem Meisterschüler bei Prof. H.C.Ottersbach abzuschliessen. Seit 2019 ist Anna Nero als Lehrbeauftragte an der Kunsthochschule Mainz tätig. Die Künstlerin erhielt einige Preise und Stipendien wie vom Kunstfonds Bonn (2020), der Stiftung ZURÜCKGEBEN (2019), des Cusanuswerk (2011-17) und Aufenthaltsförderungen für Myanmar, Columbus, Ohio und Detroit u.a.. Anna Nero präsentiert sich regelmäßig in Einzelausstellungen wie bei den Galerien FeldbuschWiesnerRudolph, Berlin und Schierke Seinecke, Frankfurt (seit 2019) sowie institutionell mit „CONNECT“ im MdBK Leipzig (2022), in den Opelvillen, Rüsselsheim (2018) u.a. Sie gewann große Aufmerksamkeit auch durch regelmäßige Groupshows wie die „JETZT!…“-Ausstellung in den Museen Wiesbaden, Bonn, Chemnitz und Deichtorhallen Hamburg (2019-20), im Kunstmuseum und der Kunsthalle Erfurt (2021), „DREI Generationen“ in der Ausstellungshalle1A, Frankfurt/M (2021), SheBAM, Leipzig (2021), im Jewish Community Center, Frankfurt/M (2020) u.v.a.m.


Öffnungszeiten

FeldbuschWiesnerRudolph
JÄGERSTRAßE 5
10117 Berlin