Zappelzoo

eruk soñschein, «bylisse», Marionette, verschiedene Materialien, Höhe ca. 30 cm

St.Gallen | ArtRegion: Bodensee

Galerie vor der Klostermauer

Eruk T. Soñschein: Zappelzoo

1. – 24. März 2013

Beim Eintreten ins Atelier der Kathrin Rieser, alias: Eruk Soñschein, fühlt man sich im ersten Moment fast wie in einem überfüllten, reichlich chaotischen Kinderzimmer. Man steht in einem Sammelsurium von Gegenständen, kostbaren «Schätzen», wie sie Kinder so lieben: Hier ein Puppenarm, dort ein ausrangiertes Elektrogerät, Bastelwerkzeuge, Glühlämpchen.

Es ist eine eigene, verspielte und fantastische Welt – die Welt der Magie, in der sich Eruk Soñschein abseits der unterkühlten Grauheit unseres Alltags zuhause fühlt. Verweilt man eine Weile in dieser Umgebung, sortiert sich der Blick des Besuchers: Man erkennt Konkretes, zwischen den vermeintlich wahllosen Sammelobjekten. Auf einem Board steht ein kleines Figürchen, die Gestalt einer stickenden Frau, gerade mal so lang, wie ein Unterarm. Und ganz wo anders, da sieht man eine überschlanke Tänzerin mit grossen, leeren Puppenaugen vor einem Spiegel kokettieren.

Man findet Wesen aus Weggeworfenem, Wieder-Gefundenem, was durch die Bearbeitung der Künstlerin neu gewertet … und neu belebt wird – nicht zuletzt, weil Eruk Soñschein fast sämtliche ihrer Figuren in Bewegung versetzt: Mechanisch werden da Hüften zum Schwingen gebracht, Nähnadeln zum Nähen. Monotone Bewegungen laufen in Endlosschleifen, manchmal von einem leisen und doch unüberhörbaren Quietschen oder Rasseln begleitet. Ein «Zappel-Zoo».

Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass diese Figuren aus Dingen bestehen, die schon mal woanders dazu gehört haben, aus Einrichtungsgegenständen längst demontierter Puppenhäuser und nicht mehr geliebten Lieblingsdingen: Jedenfalls können sie bei der Betrachtung zwei starke Eindrücke wecken: Hilflose Zerbrechlichkeit und beklemmende Morbidität.

Richtet man den Blick zum Beispiel auf eine kleine Tänzerin vor dem Spiegel, dann spürt man hier Zerbrechlichkeit. Aber der zweite erwähnte Eindruck ist noch stärker: Ein Gefühl von Morbidität, das Angst macht. Die Gestalt, weissgesichtig wie die Näherin, steht vor einem Spiegel und rotiert die Hüften. Der Körper ist aus kantigen Holzelementen gemacht, er wirkt fast wie ein Skelett. Die von einer Tänzerin zu erwartende, auch optische, Geschmeidigkeit fehlt. Irritierend erscheinen neben den spindeldürren Extremitäten der beinahe grotesk ausladende Busen, die üppige Hüfte. Beides lädt nicht zur Berührung ein, sondern wirkt – zumindest auf mich – bedrohlich. Man denkt an Zerfall, wenn man das poröse Material der Hüfte in Augenschein nimmt. Nicht an Erotik. Die ganze Figur – ein Widerspruch in sich.

Es ist eine Figur, in der man viel des Kampfes mit den eigenen Grenzen und der dazugehörenden Verzweiflung finden kann. Was passiert mit dieser Tänzerin, wenn ihr (mechanischer) Antrieb versagt? Gibt der fragile Knochenkörper auf? Oder löst er sich wie durch Zauberei aus seiner Halterung, um sich an uns, den fast voyeuristisch neugierigen Betrachtern, zu rächen?

Durch die Wahl ihres Arbeitsmaterials und ihrer Inszenierungen zieht die Künstlerin den Betrachter in eine Welt hinein, die die Phantasie mit einem durchgehen lässt und unerwünschte Gefühle anstösst: Unsicherheiten, Abscheu und vielleicht auch Ängste.

Es sind Gefühle, die man nicht unbedingt will, für die man aber dennoch dankbar sein sollte. Denn sie bilden die Komplexität der menschlichen Gefühlswelt ab, jenseits einer rein oberflächlichen «Wohlfühl-Palette».

Dorothee Haarer, M.A., Kunsthistorikerin


Öffnungszeiten

Do, Fr 18-20
Sa 11-15 Uhr
So 11-13 Uhr

Galerie vor der Klostermauer
Zeughausgasse 8
9000 St.Gallen